Was ist natürliches Leichtes Lernen?

Aktualisiert: Jan 12


Leichtes Lernen ist natürliches Lernen, so wie wir Erwachsenen und Kinder es jeden Tag machen. Besonders Kinder bis zum 5. Lebensjahr verfügen über eine geniale Fähigkeit – sie können natürlich lernen, spielerisch, kreativ, spontan, voller Neugierde und Begeisterung.


In Jedem von uns steckt eine natürliche Neugier auf die Welt und seine eigenen Möglichkeiten. In Jedem von uns existiert ein regelrechter Drang, zu lernen - über sich selbst, über seine Umgebung und über seinen Bezug zur Umgebung. Jeder von uns will ganz natürlich immer mehr Fähigkeiten erlernen und ausbauen. Dazu muss man keinen Menschen zwingen. Man kann es ihm nur aberziehen. Denn alle Menschen sind im Prinzip geniale Forscher und Entdecker. Wenn wir erforschen, dann entdecken wir etwas, etwas, was wir vorher nicht gekannt oder gekonnt haben. Und plötzlich, „Aha!“, haben wir es gelernt. „Juhu und Heureka!“ ein Gefühl entsteht, das süchtig macht, weil es Glücksgefühle in unserem Gehirn auslöst.

Lernen beginnt immer mit einer - expliziten oder impliziten - Frage, die mich jetzt, im Moment, interessiert und begeistert. Ich will, jetzt, etwas wissen oder können und stelle mir die Frage: Was ist das? Wie geht das? Was bedeutet das? Wer bin ich? und vieles mehr. Und dann lassen wir regelmäßig keine Ruhe, bis wir es herausgefunden haben. Der Drang ist manchmal so groß, dass wir beim Erforschen das Risiko nicht scheuen, dabei zu verarmen oder sogar zu sterben. Nur, um zu diesem Gefühl von „Juhu“ und „Heureka“ zu kommen, das Dopamin ausschüttet und unser Gehirn mit Seligkeit erfüllt.


Dabei bleibt es aber nicht. Nicht nur, dass ich noch mehr wissen und können will, sondern ich will dieses Wissen und Können weitergeben. Auch das ist ein starker, natürlicher Drang in uns, der in der Evolution des Menschen entstand - durch Selektion, weil er unser Überleben optimal gesichert hat.


Dieses Vorgehen hat klare Vorteile. Durch das Weitergeben wird unser Wissen und Können stärker in unserer Erinnerung verankert. Es bekommt zusätzlich mehr Klarheit und Struktur. Der Weitergebende erfährt, dass seine Erfahrung Andere interessiert und ihnen Nutzen bringt. Damit erhält sie für ihn einen bisher unbewussten tieferen Sinn und er bekommt einen Ansporn zu noch mehr Lernen.


Zudem vertieft und erweitert sich sein Wissen und Können im Austausch mit Anderen und durch deren Fragen. Wer kennt es nicht - das Alles-wissen-wollen von Kleinkindern? Es erschöpft uns als Eltern manchmal, aber es hilft auch, unser Wissen und Können zu hinterfragen und Einstellungen zu ändern. So werden unsere Kinder nicht selten zu unseren größten Lehrmeistern, wenn wir es zulassen können.


Es entsteht dadurch auch ein nahtloser Übergang zum nativen Lernen - zum Lernen vom Menschen, einer Phase, die vom Kleinkind bis zum älteren Kind bis etwa 10 Jahren anhält. In der nächsten Phase, dem Lernen des Jugendlichen und jungen Erwachsenen entsteht dann, wenn er die ersten Phasen des Lernens vollständig und ungestört durchlaufen hat, der Wille zum Studieren - dem freien systematischen, faszinierten Vertiefen des Wissens. Dies findet dann seinen Höhepunkt im freien begeisterten, wissenschaftlich orientierten Forschen, das im Prinzip erst mit Tod endet, selbst wenn es durch alltäglich Arbeit nur latent in uns schlummert.


Doch in der Schule beginnen wir Kinder nach unseren Vorstellungen sowie persönlichen und gesellschaftlichen Normen zu erziehen und zu bilden. Jetzt geht es nicht mehr darum, was das Kind im Moment interessiert und fasziniert lernen will, sondern darum, dass es strukturiert lernt, was unseren Normen entspricht. Es geht nicht mehr um die natürliche Freude am Lernen, sondern um Pflicht und allgemeine Überprüfbarkeit.


Dadurch geht das natürliche Lernen immer mehr verloren und es entsteht etwas, was im Prinzip unnötig und ungewollt ist: Mit dem Schulbeginn endet viel zu oft eine unbeschwerte Kindheit und es beginnt der sogenannte „Ernst des Lebens“. Schule wird zur Qual, Hausaufgaben werden zur Elternbeschäftigung und Nachhilfestunden zur Freizeitbeschäftigung. Frontalunterricht macht Kinder zudem abhängig und nicht stark und autark.


Ich, und natürlich nicht nur ich, gehe davon aus, dass jeder Mensch Wissen in sich trägt und von Natur aus voller Neugierde seinen Interessen nachgeht, forscht und lernt. Seit geraumer Zeit wissen wir das durch Praktiker, wie Dr.Maria Montessori und Prof. Michael Schetinin, sowie durch Lerntheoretiker und Hirnforscher. Auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die das derzeitige Regelschulsystem durchlaufen bzw. bereits durchlaufen haben, können natürliches Lernen wieder entdecken und anwenden. Dafür bedarf es lediglich einer Auflösung der behindernden bisherigen Lernerfahrungen und einer Didaktik, die hilft, wieder zu lernen wie man lernt.


Bei einer solchen Schulform steht der individuelle Mensch mit seinem Lernen und seiner Entwicklung im Mittelpunkt – Methoden und pädagogische Konzepte sehen wir als hilfreiche Unterstützung. Dieser individuelle Mensch wird ganzheitlich – mit Körper, Geist und Seele – und in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen, angenommen und in seiner Entwicklung zu einer autarken, mündigen Persönlichkeit begleitet, die selbstbewusst, verantwortungsbewusst und sozial ihr Leben gestaltet.


Wichtig ist beim natürlichen Lernen die Verbindung von Struktur, Raum und Beziehung


Oft scheinen uns Beziehung, Raum und Struktur nicht vereinbar. Doch genau darum geht es, diese zu vereinen. Struktur steht hier für eine natürliche Gesetzlichkeit, die allgegenwärtig ist. Sie fällt uns erst auf, wenn wir näher hinsehen. Dann erkennen wir, dass vieles nach gleichmäßigen Zyklen abläuft oder vieles nach gleichen Gesetzmäßigkeiten wächst. Dies gilt auch für das heranwachsende Kind. Beobachtet man Kinder beim Lernen, sind die Strukturen gut erkennbar.

Wird diese Struktur mit Beziehung erfüllt, einer Beziehung, die nicht hierarchisch, sondern natürlich respektvoll ist, entsteht dieser Raum für „natürliches Lernen“. Beziehung kann dabei im weitesten Sinne auch als der Bezug zu Sitten und Gebräuchen sowie Kultur und Spiritualität/Religiosität angesehen werden.

Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene erhält in den Räumlichkeiten seinen eigenen Start- und Rückzugsbereich, der von allen respektiert wird. Ein großer Teil der Raum-Inhalte sowie des Raum-Designs werden gemeinsam von Kindern, Jugendlichen und Lernbegleitern geplant und umgesetzt. Somit lernen die Kinder und Jugendlichen häufig in Projekten, beim Konstruieren, Bauen, Kochen, Gärtnern, kreativen Gestalten, oder genießen die Stille im eigenen Rückzugsbereich.


Die Gestaltung des Umfeldes erfolgt mit Einbezug von geomantischen Prinzipien – Element Erde (Holz, Pflanzen, Steine), Elemente Feuer, Luft und Wasser (durch Farben, Brunnen, Licht, Textilien, Kunstwerke). Die Räume im Gebäude erhalten so ihr eigenes Ambiente und ihren eigenen Charakter und es entsteht eine Atmosphäre des Wohl-Fühlens, in der Kinder gern sind und lernen.

Herrscht keine Verbindung dieser drei Elemente, reißt das natürliche Lernen sofort ab. (1)


In diesem Umfeld geschieht Lernen in der Praxis mit Lernbegleitern/-assistenten, deren Aufgabe es ist, die Kinder dergestalt zu begleiten, dass sie mit ihrem selbstgewählten Thema so lange im Lernfluss bleiben bis sie mit dem Thema eine altersgemäße Tiefe oder darüber hinaus erreicht haben. In dieser Zeit wird kein anderes Thema zugelassen (episodisches Lernen). Sie sorgen emotional für sie und achten auf ein soziales, friedvolles Miteinander. Und sie liefern den Kindern alles an Material und Informationsmedien, was sie für das Thema benötigen, in manchen praktischen Fällen besuchen sie auch Experten dazu.