Lernsystem nach Prof. Michail Schetinin (Tekos-Schule)

Aktualisiert: Jan 12


Lernen war gestern - Wissens-Osmose ist morgen. Die Tekos-Schule und das Lernsystem nach Prof. Michail Petrowitsch Schetinin (Mikhail Petrovich Shchetinin) lässt uns einen Blick in die Zukunft des Lernens werfen. Sehr speziell und nicht kopierbar diente diese Schule als Vorbild und Inspiration u.a. für die Lernsysteme Weinbergschule und Lais-Schule. Die Schetinin-Methodik wurde auch von verschiedenen anderen russischen Schulen übernommen.

„Der Mensch weiß alles - Alle Kinder sind Genies“- mit diesen Thesen stellt Prof. Schetinin vieles auf den Kopf, was wir über Kinder und Lernen zu wissen glauben. In einem bis vier Jahren verinnerlichen die Schüler dort den gesamten Stoff von normalerweise 11 Jahren Schule. Mit 12-13 Jahren studieren einige schon per Fernstudium an Universitäten, während sie weiter Lehrbücher und Lehrmethoden für die Schule entwickeln und zum Teil ältere Kinder im Lernen begleiten. Abgänger der Schule sind in Wirtschaft und Wissenschaft sehr begehrt. Was ist das Geheimnis dieser Schule?

In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden in Russland eine Reihe von Experimentalschulen gegründet, von denen die private, als Internat organisierte Shkola Akademika Schetinina in Tekos am Schwarzen Meer als einzige bis heute erhalten blieb. Sie ist derart erfolgreich und geachtet, dass sich jedes Jahr mehr als 4.000 Bewerber aus der 5. Schulstufe auf die ca. 150 Plätze des neuen Jahrgangs bewerben.

Der Besuch der Schule ist kostenlos. Allerdings erbringen die Schüler umfangreiche Arbeitsleistungen. Über die Annahme einer Bewerbung entscheiden die Vorgänger, die in der Regel nur 1-2 Jahre bleiben, um in dieser Zeit ihre Hochschulreife zu erlangen. Im zweiten Jahr übernehmen die Verbliebenen je eine Gruppe Neuankömmlinge und begleiten sie als Lernbegleiter durch ihr Schuljahr. Manche ehemalige Schüler bleiben auch länger im Internat, um in seiner fördernden Atmosphäre und Gemeinschaft optimal einen oder mehrere Fernstudiengänge zu absolvieren oder in den dort ansässigen handwerklichen Betrieben zu arbeiten, deren Gewinne zur Finanzierung der Schule dienen. Im Alter von 28 Jahren müssen sie spätestens die Schule verlassen.


Neben dem Schulleiter gibt es bei 300 Schülern nur zwei angestellte Lehrer (Stand 2010). Fachlehrer sind ebenso wenig vorhanden wie Jahrgangsstufen oder ein Klassensystem. Die Lerninhalte werden stattdessen von den Schülern selbst erarbeitet und aneinander weitergegeben. Schetinin spricht von „300 Schülern und 300 Lehrern“. Dazu werden altersgemischte Gruppen von je etwa 5–6 Schülern im Alter von 8-22 Jahren gebildet, „Laboratorien“, die sich im Rhythmus von etwa einer bis eineinhalb Wochen mit jeweils einem Thema befassen. Dies wird als „Immersion“ („Eintauchen“) in ein Thema bezeichnet. Die Schüler erarbeiten selbständig gemeinsam Lösungen zu konkreten Fragestellungen. Es so lange an der Fragestellung gearbeitet, bis sie gelöst ist oder vollständig verstanden ist. Es gibt keine verschiedenen Fächer, sondern nur Wissen, das zur Lösung einer Frage benötigt wird. Das anhand von Fachliteratur erarbeitete Wissen wird anschließend an eine andere Gruppe weitergegeben.


Eine Besucherin der Tekos-Schule beschrieb diesen Prozess, der unter der Anleitung ehemaliger Absolventen der Schule stattfinde, als vier Schritte, die die Schüler durchlaufen:

  1. Inhalte lernen

  2. Das Lehren erlernen

  3. Lehren

  4. Das Lehren lehren

Prof. Schetinin sagte, bestätigt von Besuchern aus aller Welt, der Stoff werde auf diese Weise zehnmal schneller vermittelt als bei traditionellen pädagogischen Systemen. Dies werde durch ein besonders Verständnis der Schüler füreinander ermöglicht, das in einer Atmosphäre von „offenem und freien Miteinander“ entstünde. Er sprach von einem „Kontakt des bioenergetischen Feldes“ oder „sich berührenden Kräften“ zwischen den lehrenden und lernenden Schülern, auch „Wissens-Osmose“ genannt.

Prof. Schetinin selbst warnte davor, seine Methode zu idealisieren: „Kein Programm, keine Methode kann für sich alleine eine erfolgreiche Kindeserziehung garantieren … Unsere Methode ist nicht die Hauptsache, nicht die Methode, sondern den Zweck den wir damit verfolgen. … Menschen dazu zu erziehen, in Harmonie zu leben und in Harmonie mit der Gesellschaft zu handeln …“

„Mikhail Schetinin und die Schetinin-Schule haben uns zwei Dinge geschenkt. Sie haben uns im Jahr 2013, als wir auf die Schetinin Schule gestoßen sind, gezeigt, dass es auch bei uns möglich ist, eine „Schule“ im „natürlichen Sinne“ zu betreiben.


Und das zweite Geschenk war die „Schaubildarbeit“ für über zehnjährige Kinder. Unsere „Strukturbildarbeit“, welche ich im Jahr 2006 entwickelt habe, war auf Jugendliche in der Oberstufe und Erwachsene ausgerichtet. Erst durch die Schaubildarbeit von Schetinin war aber auf einmal klar, dass jede Altersstufe auf eigene Weise „natürlich lernt“. Aus dem Zusammenfügen der beiden Pionierarbeiten ist dann die vierteilige Schaubildarbeit entstanden, welche wir heute verwenden.“ <Dieter Graf-Neureiter>

An der Tekos-Schule findet kein uns bekanntes Lernen statt, sondern eher so etwas wie Wissens-Osmose (das dritte Geschenk) - die Pädagogie-freie, nonverbale Übertragung von Wissen von einem Menschen auf einen anderen. Ein einleitender Teil davon sind Worte und Erklärungen, aber dahinter steckt mehr.


Diese Wissens-Osmose funktioniert nach Prof. Schetinin nur unter bestimmten Bedingungen:


„Es ist es sehr wichtig, dass in den Lehrern kein Gedanke existiert, dass die Schüler ohne Wissen wären. Wenn ein Lehrer etwas so erklärt , als ob die Schüler ohne Wissen wären, dann werden die Schüler auf Dauer kaum etwas behalten können.


Das zweite ist das gemeinsame Treffen auf der Ebene der Aufgabenlösung. Das Lernen geht dann wie von ganz allein. Die Aufmerksamkeit muss auf die Lösung gelenkt werden, statt auf das Auswendiglernen. Man muss den Gedanken von „Lernen“ völlig aufgeben und sich auf das Lösen konkreter Aufgaben ausrichten. Durch die Leichtigkeit der gemeinsamen Aufgabenlösung löst sich die Differenz von Schüler und Lehrer auf und dabei wird das wichtige Wissen aufgenommen. Es ist praktisch wie das Erinnern an etwas. Der Mensch weiß alles!“

Es muss also nicht gelernt, sondern lediglich erinnert oder übertragen werden. Wie das funktioniert, beschreibt Prof. Schetinin so:


„Hier geschieht hauptsächlich die Annäherung. Wenn uns das Treffen gelingt, dann können sie gemeinsam das Ziel erreichen, dass in 10 Tagen der gesamte schulische Mathematikstoff der ganzen Mittelschule erfasst wird. Also auf 11 Jahre geteilte Mathematik, in 10 Tagen. Das ist die Aufgabenstellung.

Das geschieht momentan mit solchen Schülern, denen es gelingt, sich mit anderen Schülern zu treffen, welche dieses Wissen schon haben. Das liegt am offenen, freien Miteinander. Wenn die polaren Strukturen (Kräfte) sich berühren, dann wird Wissen weitergegeben. Das ist bekannt. Beobachtungen an Liebespaaren zeigen, wie sie sich fast ohne Worte verständigen können. Kaum sagt einer etwas, schon hat es der andere bereits aufgenommen.“


Dass Kinder andere Kinder „unterrichten“, hat viele Vorteile. Kinder denken wie Kinder und können es so anderen Kindern besser erklären. Die Schüler an der Tekos-Schule haben deswegen inzwischen selbständig eine völlig neue Lern-Pädaogik für sich selbst entwickelt, und schreiben sich ihre fachübergreifenden Lehrbücher selbst, da die herkömmlichen Bücher aus ihrer Sicht nicht funktionierten.