Lernsystem Frei Lernen

Aktualisiert: Juni 1


Frei lernen - also lassen und zutrauen - erzeugt in vielen Misstrauen in Bezug auf das Ergebnis. Aber ist das wirklich berechtigt? Frei lernen ist eigentlich kein Lernsystem, sondern ein natürlicher Vorgang in Menschen - die ursprünglichste und älteste Form des Lernens. Noch heute überleben die indigenen Stämme damit selbst in gefährlichen und unwirtlichen Landstrichen unserer Erde seit Jahrtausenden.


Prinzipiell ist ein Mensch so etwas wie eine „Lernmaschine“. Carl Rogers benannte das mit dem übergeordneten Begriff Selbstaktualisierungstendenz. Wenn Mensch nicht gerade etwas völlig anderes macht, lernt er - aktualisiert er sich auf allen Ebenen - und zwar am liebsten in Abläufen bzw. Reihenfolgen. Diese speichert er ab, übt oder trainiert sie, bis er sie, ohne nachzudenken, „vollautomatisch„ ausführen kann. In dieser Weise haben wir beispielsweise schon in einem sehr frühen Alter völlig natürlich und in der Regel ohne Hilfe von außen alle Bewegungen unseres Körpers gelernt.


Und da war ganz schön viel zu lernen. Achtet einmal bewusst darauf, was euer Körper inzwischen alles kann - und zwar ohne, dass ihr darüber nachdenken müsst. Ihr könnt sogar mit dem Auto eine bekannte Strecke von A nach B fahren, völlig unbewusst, wie im Schlaf, dabei mit Eurem Verstand die tollsten Theorien über die Raumfahrt entwickeln, und kommt trotzdem sicher an. Eine schier unglaubliche Leistung des Gehirns, einfach als riesiges automatisiertes Programm abgespeichert, wie im neuesten Tesla.

Die Bewegung eines einzigen Fingers lässt sich nicht denken. Solch Programme laufen, in früher Kindheit antrainiert, automatisch im Hintergrund ab, damit sich der Verstand um wichtigere Dinge kümmern kann. Am besten erkennen wir das, wenn wir eine neue komplexe Bewegung beim Sport beginnen. Es dauert eine Weile, bis die Bewegung erdacht und trainiert ist und dann irgendwann perfekt abläuft. Jetzt kann sich das Gehirn die Energie des Denkens an dieser Stelle sparen.

Warum macht unser Gehirn das in dieser Form? Weil Denken ziemlich langsam und energieaufwändig ist! Beim Denken verbraucht unser Gehirn die Energie eines Oberschenkelmuskels beim Sport. Deswegen muss es gut gekühlt werden, damit uns z.B. bei Prüfungen nicht buchstäblich „der Kopf raucht“. Diese Form des Lernens nennen wir Natürliches Lernen, weil es ganz natürlich und unwillkürlich ausgeführt wird.

Aber noch eine andere Form des Lernens haben wir mit unserer Zeugung mitgebracht und nutzen sie ganz natürlich. Das Abschauen, das Lernen von anderen, von Vorbildern. Sprechen z.B. lernen wir durch Schauen auf den Mund und gleichzeitig Hören. Darum spricht uns unsere Mutter jedes Wort immer und immer wieder vor.


Auch wenn wir diese Form natürlich mitgebracht haben, gibt es einen Unterschied zur Vorherigen. Während das natürliche Erlernen von Bewegungen notwendig ist zum Überleben, ist das Erlernen von Sprache oder sozialem Verhalten nicht lebensnotwendig, sondern eine bewusste Entscheidung. Weil wir nämlich dazugehören wollen. Wir nennen diese Form zur Unterscheidung Natives Lernen, weil wir dies von anderen Nativen (englisch z.B. native speaker) lernen.


Aber auch hier speichern wird das Gelernte automatisiert ab. Niemand muss nach einer Weile noch darüber nachdenken, wie man ein „O“ spricht oder warum man wann „Danke“ sagt.

Es ist also grundsätzlich falsch, zu denken, ein Kind oder auch ein Erwachsener wolle nicht lernen. Wir haben das Bedürfnis genetisch mitgebracht und in höchstem Maße trainiert. Wir tun es - automatisch - immer. Selbst wenn wir lernen, dass uns die uns angebotene Form des Lernens nicht paßt.

Und es gibt noch einige Dinge mehr, die uns zum Lernen bewegen. Wir sind in der Grundanlage neugierig. Das erzeugt einen Drang in uns, der uns zum Entdecken und Erforschen bringt.


Wir sind auch "Gewinner" - wir wollen uns mit anderen messen - ebenfalls eine starke Motivation.

Wir lernen speziell auch deswegen, weil wir das Gelernte weitergeben wollen. Das hat eine angeborene soziale Komponente, die zu einem großen Teil den Siegeszug unserer Spezies begründet hat, und eine weitere uns wichtige Komponente: Das Wollen, etwas von mir zu hinterlassen, das mich überdauert.


Selbst unsere natürliche Spiritualität und Religiosität, die sich ja schon bei nichtmenschlichen Wesen wie Pavianen zeigt, ist ein Motor für Erkenntnisse und damit Lernen - und brachte u.a. geniale Bauwerke hervor, die selbst Völker überdauerten.

Wenn man also ein Kind völlig frei lässt in seinem Lernen und seiner Entscheidung, was es lernt, wird es, ganz natürlich, genügend Gründe in sich tragen, zu lernen und sein Lernen nicht zu begrenzen, sondern sogar stetig auszuweiten. Seiner natürlichen Lern-Begeisterung sind ja keine Grenzen gesetzt und es existiert keine Gängelung in der Form seines Lernens. Es kann demzufolge individuell optimal lernen. Dabei wird es ganz natürlich andere Kinder, und auch Erwachsene, quasi als „Sprungbretter“ erkennen, die seine Lernschritte vergrößern helfen und in Lernsprünge verwandeln können.

In dieser Form, natürlich und nativ. haben wir ursprünglich gelernt, bevor es ein allgemeines Regelschulsystem gab. Sie hat völlig ausgereicht, um das Leben erfolgreich leben zu können und in Einzelfällen sogar Genies hervorzubringen, wie Sokrates, Leonardo da Vinci, Galileo und Goethe und eine Kultur, von der wir noch heute profitieren. Manche reisten dabei von Meister zu Meister, um von ihnen zu lernen und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu erweitern - zu ihrem persönlichen Nutzen und zum Nutzen anderer.

Das hatte nur einen Nachtteil, nämlich, dass Potenzial ungenutzt blieb, weil aus diversen Gründen nicht jeder ausreichend Zugang zu den erforderlichen Möglichkeiten erhielt. Letztendlich begründete das die an sich lobenswerte Idee der Regelschule.

Andererseits erkaufte man sich aber mit der Regelschule auch einen Nachteil, weil dadurch das Potenzial und die Befeuerung des freien Lernens deutlich beschnitten wurde. So kann man vielleicht sagen, dass heute Genies wie Einstein trotz Regelschule hervorgebracht werden. Vielleicht auch, weil sie dennoch den natürlichen Geist des freien Lernens als Feuer in sich bewahren können und später in ihrem Leben ausleben.


Persönliches Fazit: Anfangs noch begeistert, wie so viele, habe ich Regelschule bis auf wenige Momente oft als langweilig oder sogar nervtötend erlebt. Wie zuhause so auch in der Schule habe ich meist vor mich hingeträumt und meinem eigenen lernenden Gedanken nachgehangen. Meine Lernpartner waren erzwungen ud nicht selten ungeliebt.

Meine Eltern haben sich nicht um meine Schulnoten und meine Hausaufgaben gekümmert, auch weil ihre Schulbildung dafür nicht ausgereicht hätte. Mussten sie auch nicht, weil ich meinen Weg ja ging, den sie für mich eingeleitet hatten. Da meine Intelligenz groß genug war, mir alles weitgehend selbst zu erarbeiten, ist es mir gelungen, mich auf diese Weise bis zum einem mittelmäßigen Abitur durchzumogeln. Ich gehe heute davon aus, dass das die Form des natürlichen und nativen Lernens in mir erhalten hat. Ein Glücksfall - für mich.

Nach dem Abitur fühlte ich mich endlich frei. Frei, das mit Begeisterung zu lernen, was ich wollte. Und ich begann, wie wild zu lernen, auch Dinge außerhalb meines Studienfachs. Das Studium wurde für mich zu einem Klacks, den ich in Regelzeit und mit sehr gutem Abschluss erledigte. Das Leben und das freie Lernen hatte begonnen.

Und so ist mein Lernen heute noch weitgehend unbelastet von behindernden Erinnerungen an einen Regelschulalltag. Natürliche Neugier und Forscherdrang, Selbstsicherheit, vernetztes Denken und Weitergebenwollen bestimmen noch heute mein bisweilen exzessives Lernen bei allem, was meine Aufmerksam gerade auf sich zieht. Kann ich nicht? Zu schwer? - Gibt es nicht! Das hat einen breiten Wissens- und Fähigkeitsschatz erzeugt, für den mich viele achten.

Also doch lieber lassen und zutrauen statt fördern und fordern? Für denjenigen, der seinem Kind viel zutraut und vertraut, ist das sicher ein denkbarer Weg, - wenn ihn ein reformiertes Schulgesetz läßt.


Quellen:


Wissenschaftliche Informationen dazu, insbesondere aus der Hirnforschung, zu finden bei Prof. Dr. Gerald Hüther (YouTube)


Persönliches Wissen aus Erfahrung u.a. bei André Stern (YouTube)

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